Historie
Kleine Chronik des Heinrich-Budde-Hauses in Leipzig-Gohlis, Lützowstraße 19
Zusammengestellt von Dr. Manfred Hötzel
Vorgeschichte
1866 errichtet der Gasingenieur Albert Gruner nördlich des Dorfes Gohlis bei Leipzig an der damaligen Feldstraße (1899-1945 Kaiser-Friedrich-Str., 1945-1953 Viktor-Adler-Str., seit 1953 Lützowstr.) die Gasanstalt Gohlis-Eutritzsch. 1872 erbaut er sich südlich der Gasanstalt auf dem Standort des heutigen Heinrich-Budde-Hauses eine Villa. Auf der Grundstücksgrenze wird zwischen den Bauten eine Mauer errichtet, die noch heute besteht.
1881 siedelt der Unternehmer Adolf Bleichert von Leipzig nach Gohlis über. Er kauft die Villa Gruner als Wohnsitz und errichtet an der gegenüberliegenden Straßenseite die neuen Werksanlagen seiner Firma.

Ingenieur, Begründer und Inhaber der Firma A. Bleichert & Co.
Das Familienunternehmen entwickelte sich zur
größten Drahtseilbahnfabrik der Welt.
In den 1880er Jahren erweitert Bleichert die Grunersche Villa, lässt ein Wirtschaftsgebäude (nach einem Entwurf des Architekten Max Bösenberg) erbauen - das heutige Gartenhaus - und den Garten, der sich damals bis zur Benedixstraße erstreckt, mit Gärtnerei und Gewächshaus anlegen.
Literatur: P. Gründling: Die Gartenanlage der Villa Bleichert ..., in: Von der Villa Hilda zum Klubhaus 1999 M. Hötzel: Warum das Gartenhaus Lützowstr. 19 "Gartenhaus" heißt, in: Gohlis-Forum 4/2002
1890 - Am 1. Januar wird Gohlis nach Leipzig eingemeindet.
1890 - A. Bleichert lässt die Villa Gruner abreißen.
Wohnsitz der Familie Adolf Bleichert und seiner Witwe
Hildegard Bleichert 1892 bis ca. 1925
(bereits 1881-1890 im Vorgängerbau an gleicher Stelle, s. o.)
1890/91 - Bau der Villa Hilda nach Entwurf des Architekturbüros Pfeifer & Händel Leipzig
Ausführung: Baufirma Eduard Steyer Leipzig
Bauzeichnungen: Fassadenansichten und Schnitte von Albin Anger im Büro Pfeifer & Händel, einige Grundrisse und technische Details von August Starke (nach KRIEG 2007)
Die Villa wird als repräsentativer Wohnsitz einer Leipziger Industriellenfamilie gestaltet in einer Architektur mit klassizistischen Anklängen. Die Südseite erscheint als Schauseite mit Balkon auf Säulen, Terrasse mit Freitreppen und Zierbrunnen, Sandsteinverkleidung und reichem bauplastischem Schmuck. An der Ostseite befindet sich ein Glaspavillon als Wintergarten, auf dem Dach eine viereckige Glaskuppel. Im Innern sind Vestibül und Treppenhaus mit Marmor, Säulen, Spiegel und feinen Holzarbeiten verkleidet. Villa und Gartenhaus sind umgeben von parkartiger Gartenanlage und Gemüsegarten, dazwischen das Gewächshaus.
Literatur: B. Pientka: Architektur und Gestaltungsweise der Villa Hilda, in: Von der Villa Hilda zum Klubhaus 1999 S. W. Krieg: Die Villa Hilda und ihr Vorgängerbau; in: Max u. Paul von Bleichert 2004
1901 - Tod Adolf Bleicherts. Seine Witwe Hildegard (1855-1928) bleibt mit den Kindern wohnen. Die beiden ältesten Söhne Max und Paul übernehmen die Leitung der väterlichen Firma und bauen sich in den folgenden Jahren eigene Villen (Rosentalgasse - abgerissen, und Kleiststr. 11). Die anderen Kinder verlassen Leipzig.
1909 - Abriss des Gaswerks und Neubau der Wohnhäuser Lützowstr. 21/23.
1921 - Abriss des Gewächshauses
1926 - Verkleinerung des Grundstücks auf die heutige Größe durch Abtrennung des ehemaligen Gemüsegartens.
Einbau eines Personenaufzugs in der Villa.
Wohnsitz der Familie Karl Mende 1927-1951
1927 - Bleicherts Erben verkaufen Villa und Grundstück an den Kaufmann Karl Mende.
Mende (1882-1968) ist Glasgroßhändler, Inhaber der Firma Gebr. Hirsch Nachf. Leipzig und beteiligt an Mitteldeutsche Glashandels AG Leipzig.
1937 - Umbauten im Innern: Überdeckung des Vestibüls im Obergeschoß mit Glaseisenbetondecke,
Einrichtung einer Trinkstube im Keller.
1945 - Bei Bombenangriff auf Leipzig: Zerstörung der Südostecke mit Wintergarten und der Glaskuppel.
nach 1945 - Im Rahmen der Zwangsbewirtschaftung von Wohnraum wird eine Familie in die Räume im
1. Stock - rechts - eingewiesen.
Mendes Tochter Dr. med. Ingeborg Mende, Kinderärztin, richtet im Dachgeschoß eine Arztpraxis mit Sprechstunden ein.
K. Mende wird mit seinen Firmen, die Filialen in Westdeutschland haben, vom innerdeutschen Handelskrieg betroffen.
Seitens der DDR wird der Vorwurf der Wirtschaftssabotage und Monopolbildung erhoben. K. Mende wird verhaftet,
die Firmen und der Privatbesitz Mendes werden beschlagnahmt.
1952 - Landgericht Leipzig verurteilt Mende zu 6 Jahren Zuchthaus und vollständiger Enteignung.
Karl Mende flieht aus dem Zuchthaus Zwickau nach Westdeutschland.
1952-1955 - Nutzung des Gebäudes durch die Stadt Leipzig, u. a. als Wohnheim.
1954 - Das Bezirksgericht Leipzig erklärt Grundstück und Gebäude zum Volkseigentum.
Klubhaus des VEB Verlade- und Transportanlagen (VTA) Leipzig 1956-1990
1956 - Ende März: Übergabe an VEB Schwermaschinenbau Verlade- und Transportanlagen (VTA) Leipzig vorm. Bleichert.
Einrichtung als Klubhaus: für Um- und Ausbau sind 18 000 DM im Betriebskollektivvertrag (BKV) 1956 eingeplant, 30 000 DM stammen aus Lottomitteln.
Aufruf zur Unterstützung an freiwillige Helfer, bes. Elektriker, Maler, Maurer, Tischler.
Literatur: Eidechse 22.3.1956, Nr. 11
1956 - 11. August: Einweihung und Namensgebung: „Heinrich-Budde-Haus"

H. Budde arbeitete in den 1920er Jahren als Techniker in Fa. Bleichert,
später bei Mannesmann Rohrleitungsbau AG.
Wegen einer antifaschistischen Äußerung im 2. Weltkrieg wird er vom
sog. Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet.
Literatur: W. Grundmann: Biographie Heinrich Budde, in: Von der Villa Hilda zum Klubhaus...
1956-1960 - Es erfolgen mehrere Umbauten im Innern, u. a. Einrichtung des Saals im Erdgeschoss.
seit 1960 - Entwicklung zum Klubhaus für den Stadtbezirk Leipzig-Nord. Im Haus wirkten bis zu 11 Arbeitsgemeinschaften
und Volkskunstgruppen. Es bestanden u. a. Fotolabor, Bibliothek.
Im Keller wurde eine Gaststätte eingerichtet.
1977 - Das Gebäude Villa Bleichert wird in die Denkmalliste des Bezirkes Leipzig aufgenommen.
1988 - VTA-Betriebsleitung plant Ersatz für die fehlende Südostecke und Erweiterungsbau für eine Gaststätte im modernistischen Stil. Zugleich sollen Terrasse, Balkon und Brunnen abgerissen werden, weil baufällig bzw. außer Funktion. Fachgruppe Stadtgeschichte (W. Grundmann) fordert Berücksichtigung denkmalpflegerischer Aspekte. Der Entwurf der Architekten Ilg und Friebe wird nicht realisiert.
Unklare Zukunft 1990-1992
1990 - Umbildung des VEB VTA zur VTA GmbH Verwaltung des Klubhauses durch die Stadt Leipzig.
Die kulturellen Aktivitäten werden eingeschränkt, u. a. Auflösung der Bibliothek. Die Vermietung erfolgt zunehmend für
gewerbliche Zwecke.
Die Treuhandanstalt schreibt die Villa zum Verkauf aus.
1992 - Der neu gegründete Bürgerverein Gohlis fordert in mehreren Aktionen den Erhalt des Hauses
als öffentliche Kulturstätte für den Stadtteil Gohlis: Unterschriftensammlung, Plakataktion "Klubhaus H. Budde in Gefahr!"
während des Gohliser Stadtteilfestes.
Das Bezirksgericht Chemnitz hebt die Urteile von 1952 und 1954 gegen K. Mende auf.
Das Amt zur Regelung offener Vermögensfragen der Stadt Leipzig gibt Villa und Grundstück an Bernhard Mende (Murnau),
den Erben Karl Mendes, zurück.
Am 31. Dezember erfolgt die vollständige Räumung des Hauses.
1993 - Der Bürgerverein Gohlis gründet am 1. Februar
den Förderverein "Heinrich-Budde-Haus".
Die Stadt Leipzig kauft Villa und Grundstück Lützowstr. 19 zurück.
Soziokulturelles Zentrum seit 1993
1993 - Das Kulturamt der Stadt Leipzig vermietet Villa und Grundstück an den neu gegründeten Förderverein Heinrich-Budde-Haus e.V.
als freien Träger unter Mitwirkung des Bürgervereins Gohlis e.V.
Wiedereröffnung am 22. Mai als „Heinrich-Budde-Haus“
Das Haus wird Heimstätte verschiedenster Vereine und Gruppen, die ein vielfältiges kulturelles
und soziales Leben entwickeln.
1998 - Neugestaltung des hinteren Gartens nach einem Konzept von Dipl.-Ing.(FH) Peter Gründling.
1999 - Erscheinen der Broschüre „Von der Villa Hilda zum Klubhaus 'Heinrich Budde' - Beiträge zur
Geschichte des Heinrich-Budde-Hauses Leipzig-Gohlis“ (Gohliser Historische Hefte 4). Erarbeitet von einer Arbeitsgruppe des
Fördervereins, des Bürgervereins Gohlis und des DIALOG e.V.
Inhalt: 1. Historischer Teil zur Geschichte des Hauses; 2. Vorstellung der im Haus tätigen
Vereine; 3. Literarische Texte aus der Freitagswerkstatt des DIALOG e. V.
2002 - Erscheinen der Broschüre "Adolf Bleichert und sein Werk" (Gohliser Historische Hefte 8) im Sax-Verlag Beucha mit Beiträgen zur Biografie A. Bleicherts und zur Geschichte des Werkes Bleichert/VTA.
2002-2003 - Sanierung der Fassade einschließlich Balkon, Terrasse und Zierbrunnen.
Wiederanbringung der Schriftleisten VILLA HILDA, GLUECK und FRIEDE.
Rekonstruktion des Gartenhauses mit öffentlichen Fördermitteln und privaten Spenden.
(Träger: LESG, Gestaltung: Architektenbüro Appel + Bohne Architekten BDA, Leipzig.)
2004 - Erscheinen der Broschüre "Max und Paul von Bleichert - Unternehmer und ihre Villen" (Gohliser Historische Hefte 9) im Sax-Verlag Beucha mit Beiträgen zur Biografie der Brüder Bleichert, ihrer Villenbauten und zur Geschichte der A. Bleichert & Co. AG 1926-1932.
2006 - November: Anbringen einer Tafel im Durchgang des Heinrich-Budde-Hauses, auf der den Spendern gedankt wird, welche die Sanierung 2002/03 unterstützt haben.
Das Heinrich-Budde-Haus heute,
im 51. Jahr seiner Nutzung als Kulturstätte
Eigentümer: Kulturamt der Stadt Leipzig
Träger: Förderverein Heinrich-Budde-Haus e.V.
Vorsitzende des Fördervereins: 1993 Marikka Hoffmann; 1993-2003 Rolf Herrmann;
2003-2007: Holger Krause -
seit November 2007: Heiko Dreßler
Sachbearbeiterin: Monika Preuß; Hausmeister: Jochen Krause
Das Büro des Fördervereins ist zu erreichen:
Lützowstr. 19, 04157 Leipzig
(0341) 9 12 26 41
(0341) 9 12 26 41
buero (at) buddehaus.de
http://www.buddehaus.de
Zur Zeit arbeiten über 36 Gruppen, Vereine und Selbstständige in der Villa und im Gartenhaus. Um nur einige zu nennen: Akkordeon Club Leipzig-Nord e.V.; Bürgerverein Gohlis e.V.; DIALOG e.V., Jugend und Familie Kreativ e.V.; Kreativitätswerkstatt e.V.; Pikanta Kunstverein Leipzig e.V. mit Pikanta Akademie und Pikanta Galerie sowie die Singschule Leipzig e.V.
Monatlich erscheint ein Veranstaltungsprogramm.
Baulich ist das größte Problem der noch immer nicht beseitigte Kriegsschaden. Die fehlende Südostecke stört die Symmetrie des Gebäudes erheblich. Der Eingangsbereich und der vordere Gartenteil bedürfen einer Sanierung, um das Erscheinungsbild des Hauses zu verbessern. Bei den Innenräumen müssten besonders die farbliche Gestaltung von Treppenhaus und Vestibül dem Charakter des Hauses angepasst werden.
Literatur zur Geschichte des Hauses
- Grundmann, Wolfgang; Klubhaus im Denkmal: Leipziger Blätter 19, Herbst 1991, S. 74.
- Von der Villa Hilda zum Klubhaus "Heinrich Budde". Beiträge zur Geschichte des Heinrich-Budde-Hauses
Leipzig-Gohlis, Leipzig 1999 (Gohliser Historische Hefte 4), 100 S., zahlreiche Abb., 3 Beilagen mit Architekturzeichnungen und Farbfotos, Preis 6,- €. - Krieg, Stefan W.; Die Villa Hilda und ihr Vorgängerbau, in: Max und Paul von Bleichert. Unternehmer und ihre Villen (s. u.), S. 64-80 [ausführliche Darstellung der Baugeschichte und Bedeutung der Villa]. Beide Hefte sind zu erhalten im Büro des Fördervereins Heinrich Budde-Haus e.V. und des Bürgerverein Gohlis e.V.
- Hoyer, Hansdieter; Silbertablett und Handtrommel. Leben in der Villa Hilda und im Heinrich-Budde-Haus: Leipziger Blätter 47, Herbst 2005, Hg. Kulturstiftung Leipzig, Leipzig: Passage-Verlag, S. 65-67.
Literatur zur Sanierung 2002/03
- Baubeginn am Heinrich-Budde-Haus: Gohlis-Forum Nr. 3/2002.*
Grundmann, Wolfgang; Zum Baufortschritt am Heinrich-Budde-Haus:
Eutritzscher Rundblick, April 2003. - Tappert, Andreas; Alte Fabrikanten-Villa glänzt fast wieder wie anno 1891: LVZ v. 30. August 2003.
- Abschluß der Sanierungsarbeiten am Heinrich-Budde-Haus: Gohlis-Forum Nr. 5/2003.*
* Pressemitteilungen des Fördervereins Heinrich-Budde-Haus
Literatur zur Geschichte der Firma Bleichert und des VEB VTA
- Adolf Bleichert und sein Werk. Unternehmerbiografie, Industriearchitektur, Firmengeschichte (Gohliser Historische Hefte 8), Hg. M. Hötzel/S. W. Krieg, Sax-Verlag Beucha 2002,144 S., zahlr. Abb., Preis 10,- €.
- Max und Paul von Bleichert. Unternehmer und ihre Villen, (Gohliser Historische Hefte 9) Hg. S. W. Krieg, Sax-Verlag Beucha 2004, 219 S., zahlr. Abb., ISBN 3-934544-45-2, Preis 14,50 €.
Stand: Februar 2007
Nachtrag
Offene Fragen und fehlendes Material zur Geschichte des Hauses
- Unterlagen zur Nutzung des Hauses in den Jahren 1951-1955.
- Material von Arbeitsgemeinschaften und Volkskunstgruppen 1956-1990.
- Schließung als Kulturhaus.
- Letzte Veranstaltung.
- Charakter der bauplastischen Symbole am Gebäude.
- Verbleib von Gemälden, Kunstgegenständen und der Gewerkschaftsbibliothek nach 1990.
Um Hinweise an den Förderverein Heinrich-Budde-Haus e.V. oder den Bürgerverein Gohlis e.V. wird gebeten.